Die im Dunkeln tappen

  • texte wildlife
10. Februar 2009

Sie leben im Schatten, im kühlen Dunkel der Nacht und direkt gegenüber von Knuts Bärenburg. Die Kiwis im Berliner Zoo gehören zu den wenig umschwärmten Besuchern, denn eigentlich tappen die flugunfähigen Vögel nur nachts durch ihre Voliere.

Wer es am Tage schafft, einen Blick auf das Gehege mit den Wappentieren Neuseelands zu werfen, wird dennoch keinen der acht braunen “Federbälle” erblicken. Nur einmal im Jahr, wenn sich die Jungen durch ihre Schale gepickt haben, wird im Eingangsbereich der Fasanerie eine Schaukiste eingerichtet, in der Zoobesucher das neuseeländische Nationaltier bewundern können

“Die sind schon völlig fertig, wenn sie rauskommen” beschreibt Obertierpfleger Thomas Lenzner die Mini-Kiwis. Voll ausgebildetes Federkleid, kräftige Stummelbeine und ein langer dünner Schnabel – die Jungen sind lediglich eine Nummer kleiner als ihre Eltern.

Ihre Eltern im Berliner Zoo heißen “Otto” und “Mrs. X”. “Otto” schlüpfte einst in seiner Heimat Neuseeland, kam in den 1990ern über den Stuttgart Zoo nach Berlin und ist mit seinen 28 Jahren nun der dienstälteste Hahn am Platz. “Kiwis sind monogam” weiß Lenzner zu erzählen, “allerdings, wenn eine Henne ins falsche Revier läuft…”, dann kontrolliert der jeweilige Hahn nicht unbedingt ihre Krallen nach einem Ehering. Soweit scheint “Mrs. X” ihrem Eheversprechen jedoch nachzukommen. Im März rechnet der Zoo mit jungen Kiwis, die dann auch einen Namen erhalten sollen. “Mrs. X” ist eine Ausnahme. “Sie sollte im Rahmen eines Gewinnspiels ihren Namen bekommen.” Aber aus dem Spiel wurde nichts und eine Taufe gab es demnach auch nicht. Der Zoo beließ es bei einem mysteriösen X für die Streifenkiwihenne.

Ob sie auf den Namen hört? Wohl eher auf die Rufe ihres Hahns. Kiwis können richtig Krach machen – nachts. “Die Weibchen fauchen mehr”, schmunzelt Lenzner, die Hähne seien an einem eulenähnlichen Ruf erkennbar. Aber man verstehe sich recht gut auf diese Weise. Lenzner holt die 35 Zentimeter große Henne aus ihrem “Tagesgehege” – eine Holzkiste im engen Gang hinter der Futterküche der Fasanerie. Der lange Schnabel sieht gefährlich aus, ideal um im Boden zu stochern, nach Würmern und Insekten zu suchen. Das machen sie auch im Zoo, aber ein bisschen einfacher haben sie es dort trotzdem bei der Nahrungsbeschaffung. Zerschlissene Rinderherzen in Kalk gewälzt gehören hier zum Highlight der Fütterung.

Ihr Futter sehen sie nicht, denn Kiwis sind wie die meisten Nachtaktiven schlechte Seher. Aber dafür können sie sich auf ihre Nase verlassen. “Im Gegensatz zu allen andern Vögeln haben Kiwis die Nasenlöcher an der Schnabelspitze und einen erstaunlichen Geruchs- und Tastsinn.” Für den Tastsinn sorgen feine Federn am Schnabelansatz, “wie die Schnurrhaare bei Katzen” vergleicht Lenzner. Überhaupt, seien die Neuseeländer eine ganz besondere Spezies. Sie legen beispielsweise riesengroße Eier im Verhältnis zu ihrer Körpergröße, brüten ungewöhnlich lange daran (wie bei den Pinguinen tun das die Hähne) und werden nur in sieben Zoos weltweit gezüchtet. Der natürliche Bestand der nur auf den neuseeländischen Inseln vorkommenden Urvögel sinkt jährlich um 18 Prozent. Umso stolzer sind die Berliner auf ihre acht großen Streifenkiwis. Wer am Tag der offenen Tür im Zoo vorbeikommt, sollte “Mrs. X”, “Otto” & Co. in ihrem Versteck hinter den Kulissen unbedingt einen Besuch abstatten.

erschienen in T-Online Lifestyle/Zoo- & Wildtiere, 3/2/2009



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