“Are you ready?” Was fragt der Mann da? Ob wir bereit sind? Ja, was denkt der denn, weshalb wir hier in Jeans und Leder angetreten sind?! Ein einstimmiges “Yeah!” aus 17.000 Kehlen lässt Metallica-Frontmann James Hetfield von weiteren Diskussionen absehen und beherzt in die Saiten hauen. Ja, die vier Reiter sind wieder auf der Piste und legen mit “Battery” als Opener ordentlich Tempo vor.
Nachdem Hetfield und seine Mannen bereits angekündigt hatten, zu ihren Wurzeln zurückgekehrt zu sein, versetzen sie am Samstagabend die Berliner Parkbühne Wuhlheide zurück in die frühen Meisterjahre des Trash- und Speedmetals. “Master of Puppets”, “Ride the lightning”, “Welcome home (Sanatarium)” – nur das Feinste vom Feinsten der ersten vier Metallica-Alben wird aufgetischt, ganz im Sinne der frenetisch kopfnickenden Metalheads.
Neben dem neuen Bassisten Rob Trujillo, der übrigens wohlwollend von der Familie aufgenommen wurde, haben Hetfield und Co. noch einiges mehr auf Lager – beispielsweise zwei frisch geschmiedete Songs vom lang ersehnten Album “St. Anger”. Agressiver, schneller, härter und irgendwie auch melodiearmer kommt das Album daher. Entsprechend gespannt ist man auf die Live-Version. Und siehe da: Sowohl “Frantic” als auch “St.Anger” krachen live so richtig rein. Die Vermutung, während der Studioaufnahmen könnte jemand die Drums von Lars Ulrich gestohlen und durch Blechtonnen ersetzt haben, erhärtet sich angesichts der Live-Darbietung des neuen Materials: kein Scheppern, sogar Rhythmus ist erkennbar und die Snare-Drum übertönt nicht den Gesang – geht doch. Dass man Kirk Hammet aber besser nicht singen lassen sollte, bestätigte sich spätestens nach seinen Gesangseinlagen zu “Frantic”. Generell scheint das Album noch zu frisch, teilweise irritierte Blicke in den Gesichtern der Umstehenden verraten: So richtig will es nicht nach “Back to the roots” klingen.
Immer wieder geht’s zurück zu Edelstahl-Klassikern wie “Seek & Destroy”, “No Remorse” und “Fight fire with fire”. Letzteres übrigens begleitet von Flammenfontänen und einem zünftigen Feuerwerk – ganz im Sinne des Textes. Noch zweimal folgt das feurige Spektakel mit viel Geräusch. Die Fans sind begeistert, regelrecht hysterisch – schließlich feiert man nicht alle Tage Metallica und Silvester zusammen.
Nach ein einhalb Stunden verabschieden sich Hetfield, Ulrich, Hammet und Trujillo das erste Mal. Schnell kapiert die Menge: Die Herren möchten gebeten werden. Nach nur wenigen, aber gut gebrüllten “Zugabe”-Rufen des Publikums pfeffern die vier Amerikaner Songs der ersten Stunde in die Runde. “Harvester of Sorrow” lässt niemanden mehr daran zweifeln, dass Metallica noch immer rocken, noch immer mit schnellen, kräftigen Schlägen auf Drums, Snare und Saiten und einer niemals den Ton verfehlenden Hetfield-Stimme können, was sie seinerzeit perfektionierten: Heavy Metal.
Wenn auch spät und erst als Zugabe, für viele war dies der Höhepunkt des Konzerts: “Nothing else matters”. Die virtuos gespielten Riffs von Hetfield und Hammet gehen alten wie neuen Fans direkt unter die Haut: 17.000 ach-so-harte überzählige Männer schwingen Feuerzeuge durch die Berliner Luft und übertönen mit ihrem Gesang selbst Hetfield. Wer hätte das gedacht – auch auf einem Rockkonzert zieht die Schmusenummer immer noch am besten. Schließlich kommt das Sändmännchen am Ende des Programms – nach zwei Stunden Gitarrenjaueln und Trommeldreschen werden die Fans mit “Enter Sandman” ins Bett geschickt. Eine dritte Zugabe ist nicht mehr drin, denn Lars Ulrich wirft wie üblich zum Schluss der Show seine Trommelstöcke ins Publikum – Reliquien für die Fans.
Die zur Musik-Ikone des Jahres erhobenen Meister des Metal haben den Sprung ins neue Millenium geschafft. Hetfields Stimme scheint in 20 Jahren nicht gealtert zu sein. Im Gegenteil, diese Whisky-Stimme ist gut gereift und kann alles – von der Herz zerreißenden Ballade bis zum Trommelfell zerschmetternden Kampfgeschrei. Selbst technische Probleme mit dem Mikro machen da nicht viel aus. Auch die Herren Ulrich und Hammet haben ihr Instrument nicht verlernt. Der Bass ersetzt den Herzschlag, bis in die letzte Haarspitze rasen die Powerschläge von Cheftrommler Ulrich – ja, das ist es, was die Fans seit vier Jahren vermisst haben!
Fazit: es war laut, schnell, hart und heavy – es war Metallica! Fans der frühen Stunde sind voll auf ihre Kosten gekommen, auch wenn Stücke wie “St. Anger” noch etwas gewöhnungsbedürftig klingen, in einem halben Jahr werden diese Fans geneigt und willig headbangen, was der Nacken hält. Die jüngere Garde der Mainstream-Aera wird sich wohl so schnell nicht mit der heiligen Wut anfreunden und auf diesem Konzert einiges vermisst haben: Songs der letzten drei Alben standen gar nicht auf der Playlist. Wer die vier Metal-Ikonen ebenfalls rocken sehen will, hat noch bis Ende August Gelegenheit, auf diversen Festivals und Konzerten in ganz Europa mitzuerleben, wie James Hetfield und Co. mit donnernden Drums und quietschenden Gitarren die Erde beben lassen. Wer sich noch etwas gedulden kann, sollte wissen, dass für Anfang nächsten Jahres eine längere Deutschland-Tour der ‘Tallicas geplant ist. Na, wenn das kein Ausblick ist.
erschienen inT-Online Music, Juni 2003
