Schöne grüne Urlaubswelt

  • texte reisen
22. September 2009


Alles Bio, alles Öko. Dem Trend folgt auch die Reisebranche. Organisationen und Unternehmen versuchen mit Gütesiegeln, einen klimaverträglichen Urlaub zu garantieren.

„Hinterlasse nichts als einen Fußabdruck“ fordern Postkarten in abgelegenen Landstrichen, die von Massentourismus nicht betroffen sind, ihn aber fürchten. Er kann gleichzeitig Segen und Untergang einer Region sein. Ohne zahlende Touristen geht es oftmals kaum, mit den Urlaubern rollt jedoch eine ganze Infrastruktur an, die das Fischerdorf zum Rummelplatz macht oder die weitläufige Dünenlandschaft zum Spielplatz für große Jungs mit großen Autos. Ihre Hinterlassenschaften nach zwei Wochen Urlaub sind meist mehr als ein oder zwei Fußabdrücke. Doch selbst wer nicht Müll im Nationalpark verstreut und mit Skiern vom Helikopter auf die Piste springt, leistet einen spürbaren Abdruck im Klimaprofil der Erde.

Der Trend heißt daher grün reisen und klimafreundlich unterwegs sein. Doch wann gilt ein Urlaub als klimaverträglich? Sollte man überhaupt noch verreisen, wenn Umweltverbände mahnen, dass erst ab 700 Kilometer Entfernung zum Urlaubsort ein Flug gerechtfertigt und Bahn fahren ansonsten besser ist? Martina Kohl, WWF-Tourismusexpertin, rät nicht gleich vom Reisen ab. “Aber man sollte schon vor einer Reise genau abwägen, ob es denn wirklich in die weite Welt gehen muss, ob man nicht auf einen Umwelt belastenden Flug verzichten kann.“ Denn Flüge sind die größten CO2-Produzenten, wenn es allein um die Tourismusindustrie geht. Klimaneutral reist, wer möglichst wenig CO2 durch den Flug oder die Fahrt zum Urlaubsort produziert.

Wer dennoch seine Traumreise nach Australien antritt, kann das schlechte Gewissen mit einer Geldspende beruhigen und seine CO2-Bilanz so wieder neutralisieren. Unternehmen wie Atmosfair aus Berlin bieten diesen Service auf ihren Webseiten an. Die schon als “Ablasshandel” verschriene Kompensation von Emissionen ist auch für WWF-Expertin Kohl “nur die zweite Wahl”. Verursachten Schaden gut machen sei das eine, ihn gar nicht erst zu verursachen um einiges wünschenswerter. Auch wenn sich kaum jemand zum Verzicht auf die schönste Zeit des Jahres an fernen Stränden durchringen wird, ein schlechtes Gewissen gegenüber der Umwelt hält die Expertin für die falsche Motivation. “Umweltschutz und umweltgerechtes Reiseverhalten sollten ein natürliches Gefühl sein, seinen persönlichen Teil beizutragen, kein Zwang.“

Vor dem Ablass kommt also die Traumreise mit den richtigen Verhaltensregeln. In einer aktuellen Studie des WWF zum „Touristischen Klima-Fußabdruck“ ruft die Organisation zu besonnenem Umgang mit Ressourcen wie Wasser und Strom am Urlaubsort auf. Wer einen Fernflug nicht vermeiden möchte, solle entsprechend lange bleiben. In der Flugsuchmaschine von Routerank.com kann sogar die klimafreundlichste Strecke zum Urlaubsort ermittelt werden.

Weltweit haben sich Hotels und Pensionen eine grüne Flagge aufs Haus gestellt. Sie locken mit einer wenig bebauten, natürlichen Umgebung, Zimmern ohne Klimaanlage und ohne tägliches Handtuchwechseln. Sie haben Solarzellen auf dem Dach oder gleich gar keinen Strom und für den Abend nur eine Petroleumlampe. Die Möglichkeiten, sich energiesparend zu präsentieren, sind mannigfaltig und werden von zivilisationsmüden Großstädtern gern angenommen. Naturreisen, Öko-Lodges und Kompensationsangebote boomen.

„In Öko machen“ darf jeder. Zahlreiche private und offizielle, von unabhängiger Stelle geprüfte Unternehmen führen ein Umweltsiegel. Die Gütesiegel sollen garantieren, dass umweltbewusste Urlauber ihre Spenden in Klimaschutzprojekten gut angelegt wissen. Denn welche Projekte er konkret unterstützt, ob die Siegel wirklich umweltverträgliche Hotelanlagen bewerben und Einheimische als Mitarbeiter in den Tourismuszentren geschult werden, ist für den Verbraucher nicht immer erkennbar. Namen wie Eco-Label, Green Globe, Atmosfair und Gold Standard geistern durch den Dschungel der Siegelungen. Es fehlt an einem weltweiten, offiziellen Tourismus-Siegel, das die guten von den schlechten trennt, das Nachhaltigkeit für den Reisenden wie die Urlaubsregion garantieren kann.

Der Verein forum anders reisen e.V. mit seinen 149 Reiseanbietern stellte in diesem Jahr ein Zertifikat vor, durch das Veranstalter sich freiwillig in ihrer ökologischen, ökonomischen und sozialen Vorgehensweise beurteilen lassen können. Das Corporate Social Responsibility, kurz CSR-Siegel des Forums gilt deutschlandweit als anerkanntes Nachhaltigkeitssiegel im Tourismussektor, das sich neben klimatechnischen Projekten auch für soziale und kulturelle Werterhaltung einsetzt.

WWF-Toruismusexpertin Kohl gab zudem bekannt, dass auf der kommenden Tourismusbörse ITB in Berlin eine seit einem Jahr weltweit operierende Initiative als TSC-Siegel (Tourism Sustainability Council) vorgestellt werden soll. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen, die Welttourismusorganisation und andere haben dafür einen Kriterienkatalog herausgegeben, dem sich Unternehmen aus der Branche unterstellen können. „Der Verbraucher muss dann nicht mehr gucken, welches Hotel was für ein Siegel führt und ob das ein anerkanntes ist. Er muss nur noch auf das TSC-Siegel achten.“ Sich von dieser Kommission begutachten zu lassen, sei nach wie vor freiwillig. Man hoffe jedoch auf große Resonanz und darauf, dass neben den bereits nachhaltig agierenden Reiseveranstaltern des forum anders reisen auch die Großen der Branche einige ihrer nachhaltigen, besonders naturnahen und umweltschützenden Reisen, Hotels oder Ausflugsangebote unter diesem Gütesiegel eintragen lassen.

Vielleicht führen dann TUI, Neckermann & Co. in ihren Katalogen neben dem Preis auch bald die CO2-Bilanz eines Urlaubs auf. Ausreichend Unternehmen, die eine finanzielle Kompensation dafür anbieten, gibt es heute schon. Auch sie können sich labeln lassen. „Der Gold Standard gilt als vertrauenswürdig“, so Martina Kohl. „Er zertifiziert ausschließlich Projekte, die zur Kompensation von Kohlenstoffdioxid geschaffen wurden.“  Abgebaut beziehungsweise gebunden wird CO2 durch Photosynthese. Entsprechend engagieren sich siegelführende Verbände und Unternehmen an der aktiven Aufforstung von Wäldern. Fast alle lassen in Dritte-Welt-Ländern Bäume pflanzen, zeigen Einheimischen aber auch, statt mit Diesel zu kochen und zu heizen, auf die Energie der Sonne zu setzen.

Es sind solche Projekte, in die Spendengelder von Urlaubern fließen, die ihre Umweltbelastung kompensieren wollen. Die Höhe der Kompensation berechnen Unternehmen wie beispielsweise Atmosfair und Myclimate. Die Klimabilanz eines Passagiers auf dem Flug nach Mallorca wäre demnach mit 18 Euro abgegolten. Gezielt bezifferte der WWF im August gerade die „Umweltkosten“ dieses Fluges, denn wenn es um seine Lieblingsinsel geht, hört der deutsche Urlauber genau zu. Der Flug, die Unterkunft und der zweiwöchige Urlaubsspaß produzieren zusammen so viel für die Atmosphäre schädliches Abgas wie ein Jahr Autofahren: 14 Tage Mallorca = 1221 kg CO2. Zum Vergleich: Im Durchschnitt stehen einem Erdenbürger 3000 kg CO2 pro Jahr zu.

Neben dem als Durchschnittsurlaub geltenden Mallorca-Aufenthalt wurden die Emissionen für sieben weitere typische Reisen berechnet.
5 Tage Busreise Südtirol = 216 kg CO2
14 Tage Ostsee = 258 kg CO2
10 Tage Allgäu = 297 kg CO2
7 Tage Skifahren Voralberg = 422 kg CO2
7 Tage Mittelmeerkreuzfahrt = 1224 kg CO2
14 Tage Mexiko = 7218 kg CO2

Wer nach Mexiko, in die Karibik oder den fernen Osten fliegt, hat also die persönlich zugestandene CO2-Emission von zwei Jahren auf dem Gewissen, inklusive Heizung, Kühlschrankbetrieb und Autofahrten. Letztlich bleibt die philosophische Frage: Wie weit muss man reisen, um Urlaub zu machen? Denn 14 Tage Balkonien = 58 kg CO2.

erschienen in ZEIT Online, 18/9/2009
in Hamburger Abendblatt, 13/2/2010
in news.de, 12/2/2010



Stichworte: , , , ,