Radeln mit Kängurus

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22. Februar 2010


Maria, die kleine Insel rechts von der Insel unter Down Under ist ein geschütztes Kleinod, das nur eins zu bieten hat: Wildnis. In ihr leben Wallabies, Wombats und Wildgänse, die sich auf einer Fahrrad-Safari über Maria Island ungestört beobachten lassen

Strahlend blauer Himmel, leichte Brise, am Horizont erhebt sich eine kleine Hügelkette. Es ist 9 Uhr morgens, die Pinguine machen bereits Frühsport und halten neben dem Fährboot ihre Schwimmstunde ab. Theoretisch planschen in der Mercury Passage zwischen Tasmanien und der Insel Maria auch Delfine und Robben, doch heute spielen die kleinen Blauen Bootsbegleiter. Sie sind die Vorhut der exotischen Fauna auf Maria Island, auf die das Boot zusteuert, während über uns die Albatrosse und Großmöwen kreischend ihre Kreise ziehen.
Mit der Maria Island Ferry sind die 16 Kilometer zwischen Triabunna, eine Fahrstunde nördlich von Hobart, und Darlington Bay an der Nordspitze des Maria-Eilands in 30 Minuten zurückgelegt. Die Insel zeigt zunächst die kalte Betonschulter, der Landungssteg läuft auf vier nackte Silos zu. Gleich daneben erstreckt sich im Halbrund ein weißer Sandstrand, der weitläufig das karibisch blaue Wasser einfängt. Doch hier ist noch immer Australien – mit Eukalyptusbäumen statt Palmenhain soweit die Augen der welligen Küstenlinie folgen können.

Darlington Bay ist zugleich Marias einzige Siedlung. Es Stadt zu nennen, wäre maßlos übertrieben. Lediglich ein Informationszentrum, ein altes Gefängnis, in dem rustikal genächtigt werden darf, und eine Ranger-Station verteilen sich entlang des Hafens, der sich seinerseits in einem Steg manifestiert. Kein Shop, kein Imbiss, kein Hotel. Auch Autos sind auf Maria tabu, man bewegt sich per Pedes oder Fahrrad, denn die Insel ist ein behüteter Nationalpark. Zahlreiche Wanderwege durchziehen die 22 mal 13 Kilometer kleine Maria, mit sehenswerten Ausflugszielen in Laufweiten zwischen zwei Stunden und mehreren Tagen, vom See-Level bis zum 711 Meter hohen Mount Maria.

Der erste Weg für Tagesausflügler führt zur Ranger-Station, wo Fahrräder verliehen werden und ein Wombat sich gerade am Fundament des Hauses zu schaffen macht. Das Fellknäuel mit der breiten Nase lässt sich dabei nicht von Besuchern stören, die selbstverständlich augenblicklich anfangen zu fotografieren. Dabei hat die Safari noch gar nicht begonnen. Als die ersten Meter mit Rad und Helm zurückgelegt und einen kleinen Hügel hinauf geschoben sind, beginnt das Kleinabenteuer auf der Miniinsel. Auf einem breiten Naturpfad geht es rasend bergab, zur Rechten noch immer die Mercury Passage wie ein blaues Orientierungsband. Geradeaus schauend wiederholt sich der Anblick von der Anlandung: Ein weiterer Traum aus weißem Sand biegt sich galant ums türkisblaue Nass.

Bevor es in die lange Kurve geht, springt das Hinterrad aus dem Rahmen. Zwei einheimische Hühnergänse schauen kurz aus ihrer Pfütze auf, als wir das Rad wieder in Position bringen und dann durch den feinen Sand weiter schieben. Am Ende der Bucht verhindern Findlinge jegliches Weiterkommen, auch der feine Sandstrand hat hier ein Ende. Statt dessen erheben sich Tasmaniens berühmteste Klippen bis zu zehn Meter hoch über den großen und kleinen Kieseln. Die Painted Cliffs mögen in ihren Ausmaßen kaum Grund für eine Erwähnung sein, aber die vielfarbigen Sandsteinauswaschungen spiegeln auf ihre Weise wider, was die ganze Insel so besonders macht: Maria Island ist ein komprimiertes Australien mit derselben geologischen und biologischen Vielfalt wie der Kontinent oder die direkte Nachbarinsel Tasmanien selbst.

Vom Meer ausgehöhlte Klippen laden zum Herumklettern und Rastmachen ein. Auf einem großen Findling packen wir die Sandwiches aus, die wir am Morgen in Hobarts Innbezirk Battery Point erstanden haben. Die Mittagssonne und das klare Wasser verführen zu einem kurzen Fußbad im kalten Seewasser. Im Hochsommer soll der umgebende Marinapark ein Tummelplatz für Schnorchler, Taucher und Paddler sein. Im Winter reicht es für eine Fußkühlung mit Sonnenbad in der oft gelobten reinsten Luft der Welt. Sie riecht nach Salz, Algen und Meer, ist angenehm und ja, frisch.

Nach dem Picknick sind die knapp 100 Meter Klippen rasch abgelaufen und umklettert, diverse Fotos werden von weiß, gelb, ocker- und orangefarbenen Gesteinsschichten in plastisch anmutenden Formationen gegen den immer noch strahlend blauen Himmel geknipst, bis das Wasser die Füße schon sehr abgekühlt hat. Als wir weiterfahren, stehen die beiden Gänse noch immer in ihrer Pfütze und schnabeln begehrtes Regenwasser, denn Regen ist rar auf Maria. Ähnlich wie die Gänse selbst – denn in anderen Teilen Australiens sind sie fast verschwunden und haben hier 1972 mit der Gründung des Maria Island Nationalparks eine geschützte Heimat gefunden. Neben dem schnatternden Federvieh fanden auch diverse endemische Vogelarten Tasmaniens auf der Insel ein Rückzugsgebiet ohne Fressfeinde und bedrohliche Krankheiten. Für eine Vogelbeobachtung reicht jedoch die Zeit nicht.

Stattdessen schwingen wir uns erneut auf die Sattel, lassen die Küste hinter uns und radeln landeinwärts. Über kaum mehr sichtbare Pfade pflügen wir durchs Gras, über weite Wiesen auf eine imposante Anhöhe zu. Mit Muskelkraft und noch viel mehr Armbetätigung schieben wir den Hang hinauf, kein Weg weit und breit. Dort oben ist Maria scheinbar schon wieder zu Ende. Das Meer liegt gute 70 Meter unter dem Weidegrund, den wir soeben erreicht haben. Die Klippen zur Rechten ragen noch höher aus dem strandlos dunkelblauen Meer. Wombats grasen auf der Hochwiese, direkt am Abgrund und erstaunlich wach für nachtaktive Tiere. Scheu kennen die Beuteltiere hier kaum. Auch als wir ihnen beträchtlich nahe kommen, fressen sie ähnlich teilnahmslos weiter wie schon ihr Artgenosse am Fahrradverleih zuvor.

Wir überlassen die trägen Beuteltiere ihrer Nahrungsbeschaffung, sie müssen immerhin bis zu acht Stunden am Tag die trocknen Grasballen untergraben. Es wird weiter über den weglosen Hang geschoben, wo sich Graukängurus in der Sonne aalen und unsere Ankunft genauso gespannt verfolgen wie wir ihre Anwesenheit. Safarifeeling kommt auf. Bis auf zehn Meter können wir an die 1,50 Meter großen Tiere herantreten, bis sie davonhoppeln und im umliegenden Eukalyptushain verschwinden. Große Sprünge können wir mit Fahrrädern auf der Querfeldeinstrecke nicht machen.

Und so kommen wir langsam wieder in die Gänge, während die Kängurus zurück hopsen auf ihre Liegeplätze am Hang. Für uns geht es indessen hangabwärts. Unten gibt es an den Fossil Cliffs Algenabdrücke und versteinerte Muscheln in der Felswand zu erkunden. Wäre Maria Island ein Freilichtmuseum, wäre dies die Station, an der man am Millionen Jahre toten Objekt selbst Hand anlegen dürfte. Gleichwohl ist das Mitnehmen von Fossilien nicht gestattet. Während wir noch im Sand herumstochern und die Felsen nach auffälligen Urzeittieren und -pflanzen absuchen, hat sich an der gegenüberliegenden Bucht ein Unwetter zusammengebraut, das nun unübersehbar auf das regenarme Inselchen zuhält.

Von den Fossilienklippen an ist der Weg wieder ausgebaut und wir erreichen rechtzeitig das Ranger-Häuschen, bevor sich der Himmel über Maria entleert. Auf dem Weg zum Hafen inspizieren wir kurz das zur Jugendherberge umgebaute, ehemalige Gefangenenlager. Die mit jeweils acht Schlafkojen und einem großen Holztisch spartanisch belassenen Zellen bieten vor allem Wanderern Unterschlupf, Wasser und Kochmöglichkeiten, die sich mehrere Tage auf dem Eiland aufhalten. Wir dagegen werden um 17 wieder aufs Festland „abgeschoben“. Wie eine Fata Morgana erscheint die Insel unter einem doppelten Regenbogen als wir vom Boot aus zurückblicken. Als Gefangeneninsel war Maria einst gefürchtet, heute lässt man sich freiwillig und furchtlos von der einsamen Wildnis der Insel gefangenen nehmen.


erschienen in T-Online Reisen, 4/2/2010
in Salzburger Nachrichten, 13/2/2010

in Mitteldeutsche Zeitung, 18/2/2010




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