Väterchen Rost

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18. Juli 2010

Die Provinz Rimini bietet mehr als den Teutonengrill, den die Deutschen in den 1980er für günstigere Strandlandschaften verließen. Nun kommen sie wieder, als Kultur- und Genussliebhaber, und bestaunen ein typisch romagnolisches wie beinahe ausgestorbenes Handwerk.

Der 200 Meter breite und 1,5 Kilometer lange Strand ist das Aushängeschild Riminis. Täglich wird er geharkt und entmüllt. Schirme werden aufgespannt, Liegen abgeschrubbt und aufgestellt. So geht das nun schon seit den 60er Jahren mit wechselnder Anhängerschaft von Sommer, Sonne und Strand, doch eben immer an der schönen blauen Adria. Dabei ahnt der gemeine Teutone auf dem Grill kaum, was landeinwärts in den rimineser Hügeln im Grünen verborgen liegt. Über schwindlig schlängelnden Serpentinen thronen Burgen und Festungen, die Hochstapler beherbergten und Freifrauen gefangen hielten. Auf kleinen Weingütern werden Selbstgekelterter und Olivenöl angeboten und dicke Bratwürste vom romagnolischen schwarzen Schwein zum Picknick gereicht. Wer hier her kommt, besucht bella Italia, wo es bellissima ist, wo Balsamico und Parmesan noch traditionale sind und wo alte Handwerke noch leben.

Eines davon führt Alfonso Marchi im Dörfchen Santarchangelo fort, nur eine Stunde von der Provinzhauptstadt entfernt. Der rüstige 73-jährige geht mit ernster Miene ans Werk. Er muss doch wissen, dass man heutzutage nur Kleinnager ins Laufrad schickt. Doch Signore Marchi will ernsthaft begeistern, tritt in das fünf Meter hohe Holzrad und läuft los. Knarrend und behäbig hievt sich der tonnenschwere Mangelstein, über ein Seil mit dem Rad verbunden, nach oben.

Stoffe aus aller Welt werden unter dem altertümlichen Ungetüm platt und glänzend gemacht, wie es angeblich kein Bügeleisen könnte. Letztlich dient diese unter Schmunzeln beobachtete Prozedur jedoch der Vorbereitung des eigentlichen Handwerks. Alfonso Marchi ist einer der letzten vier Rostdrucker in der Emilia-Romagna und daher besonders stolz auf die alte romagnolische Tradition, nach der Tischdecken, Bettwäsche, Schürzen und Kissen in mühevoller Einzelarbeit mit handgeschnitzten Stempeln Bordüren aus rosthaltiger Säure aufgedrückt bekommen.

Marchis Stamperia rühmt sich die älteste und traditionellste Rostdruckerei zu sein. Seit dem 16. Jahrhundert löst die Marchi-Familie rostige Nägel und Metallstücke in einem speziellen Essig und mischt neben Mehl noch ein paar geheime Zutaten hinzu, die auch Alfonso Marchi nicht verraten möchte. Das Ergebnis sind Muster in leuchtenden Farben wie dem vorhersehbaren Rostbraun, aber auch gelbe, orange, grüne und blaue Bordüren zieren die Stoffe, die in Signore Marchis enger Werkstatt von der Decke hängen. Die getrockneten Stoffe kommen zur Fixierung des Rostes anschließend in Seifenlauge und verlieren danach weder Farbe noch Form. „Im Gegenteil“ behauptet der Rostdrucker, „mit jedem Waschen werden die Farben leuchtender.“ Wer je einen Rostfleck in der Kleidung hatte, weiß, dass der alte Mann Recht hat.

Nicht ganz so unverwüstlich wie die Farben sind die Stempel. 100 Jahre Haltbarkeit gibt der Meister seinen 600 aus Birnenholz geschnitzten Musterblöcken. Danach müssen sie kopiert und neu geschnitten werden. Kein Problem für den Mann, der behauptet die Druckerei in seiner DNA zu haben: „ein einfaches Muster von der Zeichnung bis zum fertigen Stempel dauert ungefähr zwei Tage.“ Das beliebteste Motiv ist und bleibt das typisch romagnolische Weinblatt mit Trauben, das gleichsam auch das älteste Motiv in Marchis Sammlung darstellt.

Über zwei Zimmer verteilt stapeln sich die Stempel aus alten und noch älteren Zeiten in Regalen bis unter die Decke. Sie zeigen Symbole des ländlichen Lebens: Wein, Getreideähren, Früchte, Tiere, Feldarbeiter; religiöse Motive haben im katholischen Italien immer Saison und der Erzengel Michael, Patron der Gemeinde Santarchangelo gehört selbstverständlich zu Signore Marchis Favoriten. Auch die Moderne hat Einzug in die Musterpalette gefunden. Sonne, Wellen und Fische grüßen maritim von der Tischdecke, Familienwappen auf der Serviette unterstreichen die Klasse der Besitzer. Maestro Marchi schnitzt jedes Motiv, das man ihm zeichnet. Mussolini ließ hier Decken drucken, Riminis großer Sohn Federico Fellini und Künstler Tonino Guerra lieferten sogar eigene Vorlagen.

Geschützt sind seine Drucke nicht. Dass sie auch industriell und damit billiger gefertigt werden können, beängstigt den alten Mann nicht. Einerseits könne er eben nichts machen und andererseits wäre die Qualität doch gar nicht vergleichbar. Die kleinen Abweichungen im handbedruckten Stoff hätten schließlich Charakter und seien Unikate. „Wenn der Drucker gut und fleißig arbeitet, kann er gut von seinem Handwerk leben“, zeigt sich der alte Meister optimistisch. Erst kürzlich gab er die Geschäfte in die Hand von Sohn und Tochter, die nun auch einen Internet-Shop einrichten wollen. Er sei zu alt dafür, sagt er und streicht zärtlich über ein gemangeltes Tuch.

Dann greift er zu einem Ährenstempel und tupft ihn sacht in eine schlammige Pampe. Über dem Tuch schwebend richtet er den Stempel aus und legt ihn behutsam auf. Sofort greift Signore zu einem eigentümlichen Holzgerät, das offensichtlich mit Metall beschwert wurde, und hämmert zaghaft auf den Stempel, der nun gleichmäßig die Farbe an den Stoff abgeben soll. Dass der Meister das schon tut, seit er über die Werkbank seines Vaters schauen konnte, zeigt sich beim Abheben des Stempels. Sauber gedruckt, gleichmäßig verteilte Farbe und keine Verwischungen durch zu viel Hämmerei. Signore Marchi ist zufrieden: „Prego“.

Die wachsende Begeisterung der Touristen in den vergangenen Jahren hat ihn davon überzeugt, den ein oder anderen in sein Allerheiligstes vorzulassen und so leitet Alfonso Marchi sogar für einen Probedruck an. Wir drucken uns ein Schweinchen, weil es gestern so leckere Grillwurst vom schwarzen Schwein gab und einen Schmetterling, weil vorhin zwischen den Mohnblumen im Olivenhain einer vorüberflatterte. Unter dem aufmerksamen Blick der ganz zufällig rostbraun gefleckten Hauskatze werden die Kunstwerke trocken geföhnt und vom Druckermeister in die heutige Zeitung gewickelt. Urlaubseindrücke kann man auch auf Fotos festhalten. Wir nehmen „Bella Italia“ im antik anmutenden Rostbraun auf Leinwand mit nach Hause, ganz traditionale.

 

 
erschienen in Rhein-Neckar-Zeitung, 17/7/2010



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