Wenn Lenny in Berlin abhängt

  • texte musik
2. März 2008

“This is no concert, it’s just hanging out.” Gut, dass er das vorher sagt! Und gut, dass wir nun wissen, warum überhaupt. Denn eigentlich beginnt die Love-Revolution-Tour erst im Sommer. Aber der Fan und Musikliebhaber an sich ist ja nicht sonderlich böse, wenn Mister Kay mal außer der Reihe zum Blitzkonzert erscheint. So geschehen am gestrigen Abend in der Berliner Columbiahalle vor einem beinahe ausverkauften Haus.

Das schöne an Lenny Kravitz’s Shows ist der Live-Faktor. Eine Tugend, die mittlerweile nur noch selten auf internationalen Bühnen gepflegt wird. Das schlimme an Lenny Kravitz’s Shows ist der Sex-Faktor. Denn da, wo der Musikliebhaber nur hören, schwelgen und ein bisschen die Füße rhythmisch wippen lassen möchte, kreischt sich die Jugend und Fanschaft von heute die Seele aus dem Hals – als ob der Mann nicht wüsste wie er heisst! Lenny nimmt das in gewohnt cooler Art, sonnenbebrillt gegen die grellen Lichter des Showbiz, mit pinkem Shirt unter der Lederjacke und stellt sich dem Ganzen mit einem passenden Opener: “Bring it on”. Ein Song vom neuen “It’s Time for a Love Revolution”-Album also zum Einstieg. Alter Hut, den bringt er jedes Mal – ein Kracher wie ehemals “Bank Robber Man” zur Lenny-Tour oder “Where are we running” zur Baptism-Tour war das jedoch nicht. Er rettet sich in “Dig in” – da kann man nicht viel falsch machen, schließlich ist das eine der besten Rock-Singles, die Lenny bisher gebracht hat. Wir gehen in der Zeit der Veröffentlichungen noch ein paar Jahre zurück und hören uns an, was Lennys Mama einmal sagte. Wie ein Poet, der zum Grübeln mal eben die schwere Studierbrille abnimmt, von seinen Büchern zum Himmel aufschaut und Inspiration sucht, instrumentarisiert Herr K. seine Sonnenbrille. Er schaut auf und wieder ab zu seinen Fans, die ihm sichtlich und hörbar Freude machen. Kurz gesagt: Brille ab – Kreischen an! Als er dann auch noch spricht, ist die geballte Pubertät Berlins nicht mehr zu bremsen. Eigentlich wollte er nur Hallo sagen und dass er sich freut, in Berlin zu sein und dann noch ein “Alles klar?” Begeisterung in der Halle.

Dann sind die Gitarren gewechselt und wir wechseln ins Taxi und singen fröhlich von “Mr. Cab Driver”, den wir uns hinterher sicher sparen können, weil Lenny nicht überzieht und die U-Bahnen noch fahren. Also wieder raus aus dem Musik-Taxi, wir treffen die “Lady”, von der immer noch das Gerücht geht, es sei Frau Kidman, die in diesem Stück besungen wird. Ein weiterer Gitarrenwechsel bringt Herrn Kravitz sichtlich in eine peinliche Situation. Er weiß gar nicht, was er so sagen soll, die Pause war nicht geplant. Wir sollen doch bitte etwas Geduld haben, das ist ja hier kein richtiges Konzert, sondern mehr so rumhängen und jammen. Die Mehrzahl der anwesenden Männer sind definitiv fürs Rumhängen gekommen, ja. Die Damen haben das dann doch als Konzertabend verstanden und das beste Dress aus dem Schrank gezerrt.Unsere Geduld wird belohnt, es wird wieder gespielt. Über die Textsicherheit seiner Fans kann der gebürtige New Yorker nur staunen. Wie sie “Again” mitgeträllert haben, findet Lenny einfach nur “Lovely” und fragt sich kurz, und vor allem rhetorisch, “What shall we play next?”. Noch bevor die Damen der ersten Reihen ihre Wunschäußerungen zur Bühne hochschreien können, klingen auch schon die ersten Akkorde von “Stilness of heart” durch die Berliner Hallenluft. Der Japanerin neben mir bleibt angeblich auch gleich das Herze stehen, weshalb sie umso lauter kreischen muss. Ich überlege kurz mein 4-Euro-Bier zur Linderung ihrer Hysterie zu nutzen, kippe es aber doch lieber in mich selbst und wechsle zu einem weniger lauten Grüppchen 14jähriger mit mütterlichem Anhang, die sind verhaltener und sei es nur wegen Muttis Anwesenheit.Nach diesem Schmachthit möchte man mutmaßen, dass es schlimmer nicht kommen kann, aber da war ja noch was … Weil die Audienz so “beautiful” ausschaut und so bezaubernd inspirierend war, ist und immer sein wird, kommt also die erste Single-Auskopplung der Liebes-Revoultion mit geballter Improvisationskunst und Fangesang auf uns zu. Kreischen again, denn Lenny hat die Brille wieder mal ab- und sich selbst ans Klavier gesetzt.

“I’ll be Waiting” also. Ich warte. Die Japanerin ist immer noch zu nah. Sie wartet nicht. Sie schreit. Ich denke über ein zweites Bier nach. Es ist so eine nette Ballade, die einem das Herz aufweicht, wenn man ganz allein und verlassen in seinem Wohnzimmer unter der Kuscheldecke kauert und zu kurze Arme hat, um an die Kakao-Tasse zu kommen. Aber mit Asiafans nebenan ist das völlig unromantisch. Da ist man doch mehr als dankbar für das folgende “Where are we running” und erträgt auch die Kravitzsche Version von “American Woman”. Gekonnter Übergang zu “Fly Away” und auf dem Rang scheinen ein paar Damen und Herren die Flügel wirklich startklar machen zu wollen. Weil die Arme schon mal in der Luft sind, schwenken wir sie nun in Gedenken an die Flower-Power-Ära, die Kravitz selbst im zarten Alter von 5 Jahren erlebt haben dürfte und der Großteil seines Publikums nur aus der TV-Werbung von Timelife kennt. Sei’s drum, “Let Love Rule” ist ein Klassiker, ist ein echter Kravitz, ist irgendwie passend zum Love-Revolution-Programm und ein weiterer Gang im Weichspülprogramm des Abends.

Und weil es sich gerade anbietet, geht die angedrohte Jam-Session nun endlich in die Vollen. Zwei Saxophonisten aus Mama-Said-Zeiten, ein Trompeter, Tingle-Tangle-Bob an der Gitarre, ein Keyboarder, ein Bassist und Lenny himself an den Trommeln sorgen ausgeglichene 15 Minuten lang für wippende Köpfe und zuckende Nacken und spontane GoGo-Einlagen (liebes)trunkener Mädels vor der Bar. Kurz vorm langweilig werden kommt Kravitz zurück ans Mikro. Ein letztes Mal brüllt er “Let Love Rule” und dann geht er ab. Dunkel, Pause, Kreischen und Pfiffe. “Zugabe” rufen ist scheinbar out, ich war wohl lange nicht mehr auf Konzerten. Aber Lenny kommt trotzdem noch einmal wieder. In der einzigen Zugabe wird das Haus ordentlich gerockt!

“Are you gonna go my way?” zeigt einen sichtlich von sich selbst begeisterten Herrn Kravitz, der wie ein stolzer Gockel auf der Bühne auf- und abschreitet, mal nach rechts ins Publikum die erhobene Faust im Trommeltakt schwenkt, und dann die linke Publikumshälfte einschwört. Man fühlt sich fast wie am Vorabend einer Revolution. Die Massen wurde eingelullt und weichgekocht. Das Programm wurde verlesen. Zum Schluss kommt die Kampfansage und der Revolutionsaufruf. Die revolutionäre Masse hüpft mittlerweile rhythmisch auf und ab. Auf seiner Seite hat er sie schon mal. Gewonnen hat er die Revolution aber noch nicht. Das zeigen erst die Verkaufszahlen. Und so verabschiedet sich Mr. Kravitz mit einem unmusikalischen und direkten Appell an die übrig geblieben Hälfte seines Publikums (der Rest steht schon an der Garderobe an): “Thanks for hanging out! Love revoultion! We can do it! We are the Revolution! Take it out to the street! We can do it! In 1, 10, 100 or 1000 years, it doesn’t matter how long, but we can do it! Love Rrevolution!” Peace, man!

erschienen in Sensual Blog, 29/02/2008



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